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Wer daneben steht, ist mitschuldig
Die Mittelstufenklasse von Alexandra Altwegg arbeitet derzeit mit einem Präventionsmodul der Schulsozialarbeit. Im Zentrum des Moduls steht das Thema Cybermobbing. Die Kinder zeigen sich interessiert.
Schulsozialarbeiter Daniel Plaisant im Gespräch mit den Schülern.
Bericht und Bild Tagblatt online; 1.7.2015 / Rita Kohn
Der Knabe liegt auf dem Boden, von einem Mädchen überwältigt. Ein paar Schüler stehen im Kreis um die beiden herum, machen mit dem Handy Videoaufnahmen. Diese tauchen kurze Zeit später im Netz auf. Die Szene stammt aus einem kurzen Film, den die Schülerinnen und Schüler der fünften Klasse von Alexandra Altwegg miteinander ansehen. Er ist Teil des Mobbing-Präventionsmoduls, das die Schulsozialarbeit Amriswil ausgearbeitet hat.
«Mobbing – und vor allem Cybermobbing – ist ein zunehmendes Phänomen», sagt Sabine Berbig von der Schulsozialarbeit Amriswil. Mit dem Präventionsmodul soll das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden. Nicht immer seien sich die Mobbenden bewusst, was sie tun. Und Mobbingopfer seien oft hilflos, weil sie nicht wüssten, wie sie sich wehren könnten. Beide Situationen werden in diesem Modul angesprochen.
Nicht mehr leben
Wie aktuell das Thema ist, zeigt das Gespräch in kleinen Gruppen mit den Schülerinnen und Schülern nach dem Film. «Wir fühlen uns schlecht und hilflos», sagt ein Mädchen, angesprochen darauf, wie sich Mobbing auf die Betroffenen auswirkt. Ein anderes Mädchen doppelt nach: «Manchmal will man am liebsten nicht mehr leben.» Wenn man von der Klasse ausgegrenzt und ausgelacht werde, wolle man das Zuhause am liebsten nicht mehr verlassen. Man verstecke sich.
«Bei Cybermobbing gibt es diese Rückzugsmöglichkeit nicht», sagen die beiden Mitarbeiter der Schulsozialarbeit Daniel Plaisant und Sabine Berbig. Cybermobbing dringt selbst in den intimsten Umkreis des Opfers ein. Die Klasse hört aufmerksam zu, arbeitet mit, wenn es darum geht, Folgen aufzulisten, oder Gründe für das Mobbing. «Sie haben gute Ideen», sagt Lehrerin Alexandra Altwegg. Sie ist eine der Lehrkräfte, die das Angebot der Schulsozialarbeit gerne nutzen.
Es beginnt in der Mittelstufe
Für Alexandra Altwegg ist klar, dass gerade in der Mittelstufe viele Themen angesprochen werden müssen. «Es beginnt in diesem Alter», sagt sie. Je stärker das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler ausgebildet ist, desto eher können sie sich gegen eine Mobbingsituation wehren. Selbst dann, wenn sie nicht Opfer, sondern Mitläufer sind. «Viele sind sich dessen gar nicht bewusst, dass sie mitmachen, wenn sie Fotos online stellen oder daneben stehen, ohne einzugreifen», sagt Alexandra Altwegg.
Wie nachhaltig das Präventionsmodul tatsächlich wirken wird, wissen weder die Schulsozialarbeiter noch die Lehrerin. Aber sie sind überzeugt, dass es sinnvoller ist, etwas zu tun, bevor es knallt. Genau deshalb würden sie ja die Module anbieten, sagt Sabine Berbig.
Verschiedene Themen
Das Mobbing-Modul ist nur eines von vielen, aus denen die Lehrkräfte auswählen können. Nach und nach hat das Team der Schulsozialarbeit Module zu verschiedensten Themenbereichen ausgearbeitet. Sie können nach Bedarf abgerufen werden.
«Ich finde die Prävention wichtig», sagt Alexandra Altwegg. Deshalb ist sie bereit, einige Deutschstunden sowie Lektionen von Mensch und Umwelt dafür einzusetzen, da das Thema diese beiden Fächer tangiert. Denn im derzeitigen Lehrplan ist kein Freiraum für diese Module vorgesehen.
Cybermobbing
Unter Schülern ist es weit verbreitet
Cybermobbing ist nicht nur auf den Privatbereich beschränkt, sondern kann auch gegen Einzelpersonen im Berufsleben oder Unternehmen gerichtet sein. Opfer werden durch Blossstellung im Internet, permanente Belästigung oder durch Verbreitung falscher Behauptungen gemobbt. Die Motive sind sehr vielschichtig: Aussenseiter werden in Chatrooms schikaniert; man versucht, Konkurrenz klein zu halten oder Freunden zu imponieren; unter Umständen werden Mobbingopfer zu Tätern: Sie wehren oder rächen sich. Zunächst gewann das Phänomen vor allem im Zusammenhang mit Schülern, die Videos oder Bilder von Lehrern bearbeiteten und ins Internet gestellt haben, an Bedeutung. Mittlerweile ist Internetmobbing unter Schülern verbreitet und erfolgt per Handy, Chat, soziale Netzwerke, Videoportale oder eigens erstellte Internetseiten.
